Die Gottesmutter

Unsere Vorfahren vertrauten diese Kirche und Gemeinde dem Schutz der Muttergottes an. In ihr sahen sie den Frühling des Lebens für alle Menschen und gewiss auch die Verkörperung einer nahestehenden, gewöhnlichen, unkomplizierten Mutterseele. Sie ist ein Vorbild für uns alle.

Wir richten unseren Blick auf Dich, Gottesmutter, Wegweiser in unserem Alltagsleben.

In dem Dekret des Zweiten Vatikanischen Konzils, Kapitel 1, Punkt 4 (Apostolicam Actuositatem) steht:
„Während sie auf Erden ein Leben wie jeder andere verbrachte, voll von Sorge um die Familie und von Arbeit…“ Maria lebte also „auf der Erde“. Nicht in den Wolken. Ihre Gedanken kreisten nicht in einer Endlosschleife herum. Ihre Handlungen legten Zeugnis von der Präsenz konkreter Alltagsverpflichtungen ab. Von der Realität, mit beiden Füßen auf dem Boden zu stehen, fühlte sie sich nicht befreit. Maria versank nicht in Tagträumereien, grübelte nicht ständig nach, sie flüchtete nicht in eine Scheinwelt, sondern stellte sich konsequent den harten Anforderungen des alltäglichen Lebens.

Überdies lebte sie ein Leben, wie jeder andere. Ebenso, wie die Anwohner in ihrer Nähe. Sie trank aus demselben Brunnen. Sie zerrieb das Weizenkorn in demselben Mörser. Sie suchte sich einen schattigen Platz in demselben Hof aus, um zu rasten. Sie kam aus der Feldarbeit auch erschöpft nach Hause. Eines Tages wurde ihr gesagt: „Maria, du hast graue Strähnen.“ Sie blickte auf ihr an der Wasseroberfläche widerspiegeltes Ebenbild und erinnerte sich mit weiblicher Nostalgie an die Frische ihrer Jugend. Die Überraschungen hören damit nicht auf, denn, wie wir es bestätigt bekommen, ihr Leben war „voll Sorge um die Familie und von Arbeit“, wie von jedem von uns. Ihr Dasein, von menschlichen Anstrengungen belastet, veranlasst uns zu der Annahme, dass unsere Altagssorgen doch nicht ohne Belang sind.

Und ja, auch sie wird ihre Probleme gehabt haben: Gesundheit, Haushalt, menschliche Beziehungen, sich anderen unterzuordnen. Wer weiß, wie oft sie nach der Arbeit am Waschtrog mit Kopfschmerzen nach Hause kehren und Gedanken darüber machen musste, warum Josef immer weniger Kunden in der Werkstatt verzeichnen kann. Wer weiß, an wie vielen Türen sie anklopfen musste, um Arbeit für ihren Jesus während der Ölpressung zu finden. Wer weiß, wie viele Stunden sie damit verbrachte, Josefs alten Mantel wie neu aussehen zu lassen, damit ihr Sohn von den Kameraden in Nazaret nicht gehänselt wird. Wie jede Frau, musste sie auch Krisen in der Partnerbeziehung gehabt haben, denn sie verstand die Verschwiegenheit ihres Mannes manchmal nicht. Wie jede Mutter, verfolgte auch sie zwischen Hoffnung und Verzweiflung die stürmischen Entwicklungsprozesse ihres Sohnes. Wie jede Frau musste sie auch erfahren, dass ihre grosse doppelte Liebe nicht immer verstanden wurde. Auch sie hatte Angst vor Enttäuschungen und davor, dass sie an ihrer großen Rolle zerbricht. Und nachdem sie ihren Tränen freien Lauf gelassen hatte, fand sie Trost und Freude in dem Geist des Übersinnlichen.

Heilige Maria, nur Du, eine einfache Frau kann nachvollziehen, warum wir uns so verrückt versuchen dich in unserer weltlichen Existenz wieder einzufangen. Es hat nicht mit Entweihung zu tun. Wenn wir doch nur für einen Moment den Glorienschein um deinen Kopf wegretuschieren könnten, um deine anmütige Schönheit auch ohne ihn zu sehen! Nur wenn wir die Reflektoren, die an dich gerichtet sind, abschalten, scheinen wir Gottes Allmacht zu schätzen, die sich als Lichtquelle hinter dem Schatten deines Körpers verbirgt. Deine Berufung, in tiefen Gewässern zu fahren, ist uns wohlbewußt. Müsstest Du an der Küste entlang paddeln, wäre es keine Herausforderung für dich. Wenn sich dein Schiff dennoch unserem Land nähert, veranlasst es uns auch den Mut zu fassen, sich auf das weite Meer der Freiheit hinauszuwagen.

Heilige Maria, Du einfache Frau, lass uns erkennen, dass die Kernsubstanz der Theologie nicht in den Kapiteln der Bibel, Patristik, Spiritualität, Liturgie, Glaubensthesen oder Kunst zu finden ist, sondern an der Stelle des häuslichen Herdes in Nazaret, zwischen Töpfen und Webestuhl, zwischen Tränen und Gebete, zwischen Vliesknäulen und heiligen Schriften. Das ist nicht das Umfeld eines heroischen Frauenbildes, das ist ein Umfeld der Freude ohne Hinterlist, Unmut ohne Verzagtheit, der Start ohne Rückkehr.

Heilige Maria, Du einfache Frau, befreie uns von der Nostalgie früheren Heldenepen und lehre uns, wie wir uns auf unsere Alltagspflichten, als Weg zur Glückseligkeit, konzertrieren können. Löse unsere Ängste aus der Verankerung, damit wir auf Gottes Willen, ähnlich, wie Du, voll vertrauen können. Selbst in überdrüssigen Zeiten, selbst in der Agonie langsam dahinschreitenden Stunden. Und kehre dann zu uns zurück, begleite uns mit bescheidener Zurückhaltung, Du Außergewöhnliche, die so sehr in der Normalität verliebt warst, Du eine, die bevor zur Himmelskönigin gekrönt wurde, den irdischen Staub dieser armen Erde mit uns schluckte.

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